Frauen reden zu Tisch: Göppinger Frauenmahl

Wie können Frauen ein „Leben in Fülle“ führen und wie werden sie dabei von Gesellschaft und Kirche unterstützt? Wie sehen die Perspektiven für eine lebenswerte Zukunft aus? Am gemeinsamen Tisch des „Göppinger Frauenmahls“ in der Göppinger Stadtkirche tauschten sich darüber sieben Expertinnen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und mehr als 100 begeisterte weibliche Gäste aus.


Ungewöhnliche Begegnungen am gedeckten Tisch haben in der Göppinger Stadtkirche durch die Vesperkirche schon seit einigen Jahren eine gute Tradition. Und an diesem Aprilabend zeigt sich das Gotteshaus erneut von seiner gastfreundlichen Seite und im großen Kirchenraum haben schon weit über 100 Frauen Platz genommen. Sie alle freuen sich auf das „Göppinger Frauenmahl“, musikalisch eröffnet von einem Ensemble der Jugendmusikschule Göppingen und kulinarisch kredenzt vom Waldeckhof, vom Bioland-Imbiss „Suppentöpfle“ und der Göppinger Justus-von-Liebig-Schule. Gleich der erste Gang schmeckt sehr bekömmlich, denn zu den leckeren Brotaufstrichen und zum Rote Beete Carpaccio werden die ersten Tischreden gleich mitserviert.


Den Auftakt der Reden, die sich mit Themen wie beispielsweise dem bewussten Umgang mit Nahrungsmitteln, der kommunalpolitischen Verantwortung von Frauen, oder mit stärkender Spiritualität befassen, macht Karin Woyta, Geschäftsführerin bei der Staufen Arbeits- und Beschäftigungsförderung in Göppingen. Sie wirft einen kritischen Blick auf überholte Familienbilder, prekäre Beschäftigungssituationen und berufliche Benachteiligungen von Frauen. Wie alle anderen Rednerinnen hat auch sie von den Veranstalterinnen - der Katholischen und der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kreis Göppingen und weiteren Kooperationspartnern wie dem Katholischen Frauenbund (KDFB) - die Aufgabe bekommen, in maximal sieben Minuten eine griffige Botschaft für ein wertvolles Leben zu formulieren.

Dieser reizvollen Herausforderung hat sich auch Gabriele Zull, Kultur- und Sozialbürgermeisterin der Stadt Göppingen, gerne gestellt. Die Kommunalpolitikerin skizziert in aller Kürze die aus ihrer Sicht wichtigsten Voraussetzungen für ein „Leben in Fülle“. Neben der Chancengleichheit im Bildungsbereich, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf komme es auch darauf an, eigene Talente zum Wohle aller einzubringen. „Alle sollten am gleichen Strang ziehen, Kirchen, Verbände, die Politik. Wir alle sollten Frauen unterstützen und sie ermuntern, ihre Träume unbeirrt zu verfolgen.“ Gabriele Greiner- Jopp, Gemeinde- und Dekanatsreferentin in Esslingen/Wendlingen, nutzt wie die Nürtinger Pfarrerin und Hochschulseelsorgerin Birgit Mattausch ihre sieben Minuten für einen nachdenkenswerten religiösen Impuls. Die katholische Religionspädagogin weist auf den Geist und das Wirken der ersten Christinnen und der frühen Kirche hin. „Von ihnen können wir lernen, wie man gehört und verstanden wird. In einer Sprache, die auch Frauen erreicht.“ Eine Sprache, die verstanden wird: Das ist eines der Anliegen der Frauenmahle, die seit 2011 an vielen Orten Deutschlands in ökumenischer Zusammenarbeit und mit großem Erfolg veranstaltet werden.

Inzwischen haben die Frauenmahlsgäste am Buffet die Hauptspeise des vegetarischen Menüs ausgewählt. Eine feine Spinatlasagne macht Appetit auf weitere Zutaten eines gelingenden Lebens. Die Stuttgarter Psychologin und Tischrednerin Viktoria Gedenk lädt die Gäste ein, über die eigenen versteckten Ressourcen nachzudenken: „Überlegen Sie dabei, wie Denken und Handeln besser in Einklang zu bringen sind.“ Diese Anregung wird sogleich rege diskutiert und obwohl sie sich erst kurzem kennen, kommunizieren die Frauen mit ihren Tischnachbarinnen offen und neugierig. Die meisten Gäste sind aus Göppingen und den umliegenden Ortschaften in die Stadtkirche gekommen, aber es sind „nicht die üblichen Verdächtigen“, wie es Bärbel Janz-Spaeth, Geistliche Beirätin des Katholischen Frauenbunds der Diözese Rottenburg-Stuttgart lachend formuliert. Wie alle anderen Verantwortlichen des Frauenmahls freut sich die Göppinger Theologin sehr darüber, dass auch „viele kirchenferne oder Frauen, die sonst nicht so in kirchliche Themen involviert sind, den Weg hierher gefunden haben und sich von den verschiedenen Impulsen inspirieren lassen.“

Passend zu den kulinarischen Kompositionen des Frauenmahls macht „Tischrednerin“ Marianne Müller vom Landfrauenverband ihre Zuhörerinnen auf den wirklichen Wert von Lebensmitteln aufmerksam. Die Bäuerin und Direktvermarkterin, die frische Ware auf dem Göppinger Wochenmarkt verkauft, votiert für ein entschiedenes Umdenken bei Verbraucherinnen und Verbrauchern: „Wir müssen wegkommen von der Idee, dass wir alles möglichst billig bekommen. Wir sollten regionale Produkte mehr wertschätzen und bereit sein, gerechte Preise zu bezahlen.“ Dieser pointierte siebenminütige Appell sorgt ebenso wie Leni Breymaiers kurze Rede für viel Diskussionsstoff bei den Frauen. Die Landesbezirkleiterin der Gewerkschaft ver.di erinnert die Frauenmahlsgäste daran, dass in puncto arbeitsmarktpolitischer Gerechtigkeit für Frauen trotz vieler Verbesserungen in den letzten Jahren weiterhin noch vieles im Argen liege.

Nach so viel inhaltsschwerem Stoff freuen sich die Frauen jetzt auf das leichte Dessert und die heitere Konversation am Tisch. Etliche haben sich den Abend in der Göppinger Stadtkirche gezielt ausgewählt und er ist ihnen auch etwas wert: Je nach Selbsteinschätzung haben die Gäste für das fünfgängige Menü und die Getränke zwischen 22 und 44 Euro bezahlt. So wie die Besucherin, die sich mit ihren zwei zukünftigen Schwiegertöchtern regelmäßig einen Frauenabend gönnt. Alle drei sind begeistert von der Vortrags- und Speisenvielfalt des Frauenmahls: „Wir nehmen alle Rezepte des heutigen Abends mit in unser alltägliches Leben - die kulinarischen ebenso wie die gesellschaftspolitischen.“

 

Karin Lutz-Efinger


Weitere Information unter: www.frauenmahl.de

 

Zu den Göppinger Tschreden, Rezepten und zur Bildergalierie unter:

www.frauenmahl.de/Frauenmahle/Goeppingen/Tab_Goeppingen_2013.php

www.frauenmahl.de/Impressionen/galeriedetails.php?we_objectID=25