Leben und Glauben

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Jahreslosung 2017

Jahreslosung im Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Jahreslosung 2017:
Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz
und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36, 26


Es gibt eine ärztliche Diagnose, die richtig Angst macht: „angina pectoris“. Das meint eine Enge in der Brust, die schmerzt und die ein Alarmzeichen ist: es gibt zu wenig Durchblutung im Herzen, das führt zur akuten Gefahr eines Herzinfarkts!


Medizinisch ist das formuliert, bezogen auf den wichtigsten Muskel in unserem Körper: da sollte es nicht eng werden, sonst wird es gefährlich! Lebensgefährlich.


Im übertragenen Sinn kann man die Diagnose „angina pectoris“ auch auf das Herz beziehen, den Sitz der Gefühle und Empfindungen, oder biblisch: den Sitz des Willens. Auch dieses Herz kann eng werden. Aber da droht kein Herzinfarkt, sondern eine innere Verhärtung. Ein Sich-Abschließen gegenüber den anderen, ein Verkümmern von Gefühlen wie Freude oder Traurigkeit, Liebe oder Mitgefühl.


Ich erlebe derzeit eine ganze Menge von Menschen, die an dieser Enge leiden. Sie haben Angst um das, was sie besitzen. Sie fürchten, dass ihnen etwas genommen wird. Sie blicken weg von der Not derer, die arm sind und bedürftig. Denn sie könnten ja etwas von einem wollen!


Und ich kann da gar nicht auf andere zeigen. Diese Herzenge kenne ich von mir selbst. Da gehe ich durch die Stadt und vor einem Laden sitzt einer. Er hat einen Pappbecher vor sich stehen und ein Schild, auf dem Fotos von Kindern drauf sind. In schlechtem Deutsch steht dann noch etwas von Geld, das er braucht für seine Kinder.


Erst einmal bleibe ich stehen und schaue mir das an. Ich sehe seine schäbigen Kleider, ich schaue auf das unbeholfene Schild. Doch bevor ich noch meinen Geldbeutel auch nur berühre, kommt sofort der Verdacht: das ist ein Profi. Der gehört zu den rumänischen Bettlerbanden, vor denen überall gewarnt wird. Die Fotos können irgendwo her sein, dass er wirklich Familie hat, muss gar nicht sein. Und dann gehe ich weiter und besänftige das ungute Gefühl, das ich gerade spüre. Herzenge, angina pectoris!


Es kann ja sein, dass mein Verdacht richtig ist. Und vielleicht ist es auch wirklich nicht gut, diesen Bettlern Geld zu geben. Mich beunruhigt an meinem Verhalten etwas ganz Anderes: dass es so leichtfällt, die Not anderer Menschen zu ignorieren. Mit guten Argumenten sich selbst beweisen, dass mich die Armut des Bettlers nichts angeht. Und dabei bleibt einfach ein ganzes Stück Menschlichkeit auf der Strecke!


In diesen Tagen wird viel über die Flüchtlinge geschrieben und geredet, die aus dem Irak kommen oder aus Syrien oder aus Afrika. Viele haben schreckliche Dinge erlebt. Ihre Häuser sind zerbombt oder verbrannt, manche haben Eltern, Geschwister, Kinder verloren. Wieder andere sind bloß aus einem Land geflohen, in dem sie keine Perspektive sehen angesichts von Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit. Sie kommen in Länder wie die Türkei, die schon 2,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat und damit an ihre Grenzen kommen. Sie kommen nach Deutschland, wo ihnen viele mit Hilfsbereitschaft begegnen und andere mit Angst reagieren: können wir das wirklich schaffen, so viele Fremde aufzunehmen und ihnen eine Perspektive zu bieten?


Wörter wie „Asylantenflut“ oder „Flüchtlingswelle“ nehmen den Fremden ihre Menschlichkeit. Sie werden zu einem Phänomen, zu einer Naturkatastrophe gar, vor der man sich schützen muss. Was geht es mich an, wenn in Syrien Krieg ist? Was kümmern mich Menschen, die vor Terroristen fliehen? Angina pectoris, Herzenge.


Die Jahreslosung für 2017 verspricht ein neues Herz. Ein Herz ohne Enge, ein Herz frei von Angst. Wer an Gott glaubt, wird frei. Ein neuer Geist zieht ein, der Geist der Liebe, der Geist der Freiheit, der Geist Gottes.


Das alle können wir nicht selbst bewirken. Gott ist es, der dieses neue Herz schenkt und der uns mit seinem Geist füllt. An uns ist nur, ihm zu trauen und uns auf ihn zu verlassen.


Dekan Rolf Ulmer, Göppingen

 

Prälatin Gabriele Wulz hat in ihrem Neujahrsbrief ebenfalls die Jahreslosung ausgelegt. Diesen Brief finden Sie hier.

Mehr zur Jahreslosung

 

Weitere Materialien zur Jahreslosung finden sich auf der Seite Jahreslosung.info, die vom Landesjugendwerk betrieben wird.